Hallo Bücherfreund*innen und Teeliebhaber*innen,
es gibt einfach Bücher, die man immer und immer wieder sieht – ob nun im Buchladen, auf Bookstagram oder auf irgendwelchen Blogs -, um die man eine gefühlte Ewigkeit lang herumschleicht, die man bei Buchhandlungsbesuchen wieder und wieder in die Hand nimmt … und dann doch wieder zurücklegt. Naja, zumindest gibt es da bei mir immer so ein paar Kandidaten. Die sechs Kraniche von Elizabeth Lim gehörte da ziemlich lange dazu. Die Geschichte hat schon vor einigen Monaten meine Aufmerksamkeit erregt (dann allerdings noch im englischen Bereich von Bookstagram bzw. Booktube, denn im Deutschen ist es ja erst diesen März erschienen), irgendwie ist es aber nie bei mir eingezogen, bis ich dem tollen Cover und dem zugehörigen Buchschnitt ganz spontan einfach nicht mehr widerstehen konnte und das Buch endlich erlöst habe. (Ja, das ist eine absolut legitime Begründung!) Ich habe es jetzt also tatsächlich gelesen und natürlich erzähle ich euch auch, wie ich Shioris Geschichte letztendlich so fand.


Klappentext:

Prinzessin Shiori hat ihre verbotenen magischen Kräfte bisher sorgfältig verborgen. Doch am Morgen ihrer arrangierten Hochzeit verliert sie die Kontrolle über ihre Magie. Ihre Stiefmutter Raikama wittert in ihr eine gefährliche Konkurrentin. Sie verbannt die Prinzessin, verwandelt ihre Brüder in Kraniche und belegt Shiori mit einem Fluch: Sobald ein Wort über ihre Lippen kommt, wird ein Bruder sterben. Auf der Suche nach den Kranichen entdeckt Shiori eine Verschwörung mit dem Ziel, den Thron zu übernehmen. Um das zu verhindern, braucht sie ausgerechnet die Hilfe ihres unbekannten Bräutigams – und sie ist auf alles gefasst, aber nicht darauf, sich zu verlieben … (Quelle: www.carlsen.de)


Meine Meinung:

Was ich erwartet habe, war eine märchenhaft-magische Atmosphäre und die habe ich definitiv auch bekommen. Immerhin basiert die Geschichte ja auch auf Die wilden Schwäne, ein Märchen, das ich zwar vorher noch nicht kannte, was dem Ganzen aber keinen Abbruch getan hat. Ich würde sogar empfehlen, das „Original“ erst nach dem Lesen dieser Adaption zu lesen, wenn ihr es noch nicht kennt, sonst könntet ihr euch ein wenig (oder auch ein wenig mehr) spoilern. Auf jeden Fall mochte ich die Stimmung und somit auch den Schreibstil, durch den diese erst zustande kam, sehr gerne. Elizabeth Lim erzählt flüssig, nicht zu gestelzt und dennoch einnehmend und so, dass man sich als Leser*in leicht nach Kiata träumen und der Realität entfliehen kann – ebendas, was man sich von einer High-Fantasy-Geschichte erhofft.

Dem entgegen standen für mich aber die Charaktere. Damit will ich keinesfalls sagen, die Figuren würden nicht zum Schreibstil oder in die Welt passen, denn das tun sie definitiv. Allerdings bin ich einfach eine ziemliche Charakter-Leserin. Das heißt, für mich ist es beim Lesen fast am wichtigsten, dass ich mich den Personen, von denen ich lese, verbunden fühle bzw. dass diese nahbar, vielschichtig, authentisch etc. konzipiert sind. Dabei kommt es natürlich auch auf die Art von Buch an, die ich lese, aber auf jeden Fall bei vollkommen fiktionalen Büchern machen für mich die Charaktere mit am meisten aus.
Wenn ich mich komplett in die Figuren hineinfühlen, mit und über sie rätseln, sie immer mehr lieben oder hassen – und möglicherweise auch beides zugleich – lernen kann, je weiter die Geschichte fortschreitet, dann begeistert mich das einfach sehr und so ist es auch das, was mich in der Regel am stärksten an ein Buch fesselt. Ich will weiterlesen, weil ich die Charaktere auf ihrer Reise – ob nun im metaphorischen Sinne oder tatsächlich – begleiten möchte.

Und naja, das hat mir hier eben eher gefehlt. Obwohl ich weder die Protagonstin noch ihre Brüder, ihren Love Interest oder sonst irgendjemanden, der*die es nicht auch sein sollte, absolut unsympathisch fand, konnte mich das Ganze nicht so richtig überzeugen. Die sechs Kraniche ist einfach sehr auf die Handlung fokussiert und das ist ja auch überhaupt nicht verwerflich. Immerhin ist die Story auch wirklich gut (dazu gleich noch mehr), aber mir persönlich ging das einfach zu sehr zu Lasten der Charaktere.
Shiori ist eine starke und angenehme Hauptperson, die mich bis auf einzelne Situationen nicht genervt hat oder Ähnliches, die aber eben auch nicht mehr war. Vielleicht bin ich nach Nina, Inej, Jude, Ophelia oder Zoya auch einfach etwas „verwöhnt“, aber dieser Punkt bezieht sich eigentlich genauso auch auf die Nebencharaktere. Alle haben die Geschichte gut ergänzt und ein stimmiges Gesamtbild ergeben, aber eben auch nicht mehr. So war ich letzten Endes nicht ganz gefesselt, wurde nicht wirklich in den Bann der Erzählung gezogen, wie es vielleicht der Fall hätte sein können, wenn ich mich den Figuren hätte näher fühlen können.

Dennoch gab es durchaus Stellen, an denen mich die Handlung sehr gepackt hat. Die Story wirkt sehr gut ausgearbeitet, enthält vor allem zum Ende hin auch einige (mal mehr, mal weniger) unerwartete Wendungen und beinhaltet vor allem auch mehrere Handlungsstränge, die parallel ablaufen und dann doch irgendwann alle zusammenfinden. Derart ausgeklügelte Plots mag ich ja besonders gerne und rechne das Die sechs Kraniche auch definitiv als großen Pluspunkt an.
Es passiert insgesamt einfach sehr viel, einzelne Teile der Handlung dauern in der Regel nicht besonders lange und so wird in meinen Augen fast noch mehr Spannung aufgebaut, als es vermutlich der Fall wäre, würde man die ganze Zeit auf ein lang ersehntes Ereignis als Finale „hinarbeiten“. Trotzdem konnte das die eher flachen Charaktere für mich nicht aufwiegen und es gab auch immer wieder Punkte, an denen mir ganz einfach die Motivation zum Weiterlesen gefehlt hat.

Auf das Worldbuilding bin ich ja zu Beginn bereits kurz eingegangen, möchte jetzt aber noch ein wenig mehr dazu sagen bzw. schreiben. Insgesamt ist das Ganze einfach in sich stimmig, wie auch in Bezug auf die Storyline. Man merkt, dass die Autorin sich ausführlich mit ihrer Welt, deren Magie- (oder Nicht-Magie-) System und Wesen auseinandergesetzt hat. Allerdings nicht nur das. Elizabeth Lim schafft es außerdem, dies alles so rüberzubringen, dass man als Leser*in nicht davon erschlagen wird. Dir wird nicht über fünfzig Seiten lang die Entstehungsgeschichte dieses einen Tannebaums oder die Ahn*innenreihe der Nachbarin aus dem siebten Haus in der kleinen Straße da vorne erläutert, und dennoch kommt man als Leser*in gut mit und ist nicht verwirrt, weil man nicht versteht, wo das alles herkommt. Im Gegenteil: Da eben nicht von allen Seiten dicke Wälzer voll mit Hintergrundinformationen auf dich einstürmen, sondern nur hin und wieder mal eine leichte Brise mit einem Notizzettel im Gepäck vorbeiweht, fällt es sehr leicht, in die Geschichte hineinzufinden und auch, wenn man wie ich mal ein paar Tage nicht mehr weitergelesen hat, fliegt man nicht komplett raus und fühlt sich, als müsste man das Buch mitsamt seinen 482 Prequels gleich nochmal lesen. (Okay, das war jetzt sehr übertrieben. Außerdem bin ich ja in der Regel auch ein großer Fan von Büchern mit komplexen Konzepten, wie zum Beispiel alles aus dem GrishaVerse oder Throne of Glass. Aber hier fand ich es eben erfrischend, eine etwas leichtere High-Fantasy-Geschichte zu lesen.)

Mein Fazit:

Die sechs Kraniche ist ein kurzweiliges und nicht zu kompliziertes High-Fantasy-Buch mit einer gut ausgearbeiteten Handlung und Welt, dem es für mich aber doch an tiefgründigen Charakteren fehlt. Letzendlich vergebe ich dreieinhalb Teetassen. Die Geschichte hat mich nicht komplett vom Hocker gehauen und ich werde wohl auch nicht noch monatelang darüber nachdenken, dennoch kann ich ebenso verstehen, dass das Buch viele begeistert. Ich würde es vor allem denjenigen empfehlen, denen der Plot wichtiger ist als die Charaktere, denke aber, dass es allgemein für niemanden ein Fehler ist, die Geschichte zu lesen.


Informationen zum Buch:

Titel: Die sechs Kraniche

Originaltitel: Six Crimson Cranes

Autor*in: Elizabeth Lim

Übersetzung: Birgit Schmitz

Verlag: Carlsen

ISBN: 3551584559

Preis: 16,00€

Meine Altersempfehlung: ab 13 Jahre


Disclaimer:

Die Rechte am abgebildeten Buchcover liegen beim Verlag.