Hallo Bücherfreund*innen und Teeliebhaber*innen,
zurzeit stecke ich leider mitten in einer extremen Klausurenphase, weshalb hier lange nichts mehr kam. Vom Lesen kann mich der Lernstress aber nur bedingt abhalten. Deshalb möchte ich euch etwas von meinem zuletzt beendeten Buch erzählen. Das unglaubliche Leben des Wallace Price ist nicht nur sehr praktisch, wenn es darum geht, Ruhe in eine stressige Zeit zu bringen. Auch das Zwischenmenschliche, die Familie, die der Roman darstellt, machen ihn perfekt für die Weihnachtszeit. Zudem spielt Tee in verschiedensten Sorten eine nicht unerhebliche Rolle in dieser Geschichte. Dass ich sie hier vorstellen muss, ist also selbstverständlich.


Worum geht es?

Wallace Price ist ein Arschloch. Als Anwalt und erbarmungsloser Chef einer eigenen Kanzlei kümmert er sich wenig um seine Mitmenschen oder um die Welt um ihn herum. Trotzdem ist es ein Schock, als er plötzlich als Geist seiner Beerdigung beiwohnt. Dabei, mit dem eigenen Tod und dem Übergang in eine andere Welt klarzukommen, sollen ihm eine buchstäblich schräge Teestube, und ihre im übertragenen Sinne schrägen Bewohner*innen helfen: Ein Geisterhund, ein Geisteropa, eine Sensenfrau, und Hugo – der Fährmann. Obwohl Wallace weder mit Tee noch mit unliebsamen Menschen (und Hunden) viel anfangen kann, verändert ihn das Leben nach dem Tod doch stärker als er es selbst je geahnt hätte …


Meine Meinung:

Vor mittlerweile zwei Jahren habe ich mein erstes, und wohl auch das bekannteste Buch von T. J. Klune gelesen. Mr. Parnassus‘ Heim für magisch Begabte überzeugt vor allem durch die Vielzahl an bunten und liebenswerten Figuren. Auch in Das unglaubliche Leben das Wallace Price mangelt es an ihnen nicht. Denn obwohl Wallace zu Beginn absolut unausstehlich ist, handelt der Roman von einer Charakterentwicklung, durch die er zu sich, zu Anderen, zur Welt findet. Im Laufe der Geschichte arbeitet er sein Leben auf, erlernt Empathie neu, und er knüpft Freundschaften (oder sogar etwas mehr) mit denen um sich herum.

Viel anderes bleibt ihm auch gar nicht übrig. Denn wenn man mit Nelson (mit einem Gehstock bewaffneter und höchst selbstbewusster Gespenstergroßvater), Apollo (Nähe suchender Schlabberhund), Mei (frisch gebackene Fährfrau mit schrecklichem Musikgeschmack) und Hugo (geduldiger Fährmann und Teeexperte mit einer eigenartigen Anziehungskraft auf Wallace) zusammenlebt, kann man trotz gewissen Startschwierigkeiten gar nicht anders. Natürlich merkt man, was T. J. Klune bezwecken will. Der Zuneigung, die man dieser Familie gegenüber empfindet, konnte ich mich deshalb aber nicht erwehren – und das möchte ich auch gar nicht.

An manch anderer Stelle ist mir die Message des Ganzen aber doch etwas zu doll geworden. Das Leben, der Tod, das Leben nach dem Tod: Das sind natürlich alles riesige und gewichtige Themen. Da kann es passieren, dass die Moral hinter der Geschichte ein wenig idealisierend wirkt. Dieser Kritikpunkt ist allerdings nur sehr klein, denn der Autor hat auf jeden Fall versucht, ein umfassendes Bild von all diesen großen Themen und Gefühlen zu malen. Neben den Hauptcharakteren, von denen ich bereits geschwärmt habe, kommen nämlich verschiedenste Gäst*innen in Charons Fähre (die Teestube). An einzelnen Personen werden verschiedene Schicksale, verschiedene Arten zu sterben, zu trauern und zu leben, aufgezeigt. Dieser Ansatz ist wirklich schön und sorgt für etwas, das ich idealisierte Authentizität nennen würde.

Andererseits wirkt die Handlung so etwas zusammengeschnipstelt. Sie ist allgemein eher ruhig, beschränkt sich aus weltenaufbautechnischen Gründen zumeist auf die Teestube. Das schafft an einzelnen Stellen Längen. Da sie sich aus so vielen Geschichten unterschiedlicher Menschen zusammensetzt, die aber doch irgendwie mit Wallace verknüpft werden müssen, fehlt zudem manchmal der Zusammenhang. Auch das Ende wirkt in Bezug auf auf einen logischen Plot etwas mangelhaft.

Wiederum fällt es mir schwer, mir all diese Dinge anders zu wünschen. Denn wie erwähnt ist T. J. Klune ein Genie, wenn es darum geht, seinen Leser*innen Emotionen zu entlocken. Obwohl nicht viel passiert, und die schweren Thematiken auf liebe- und hoffnungsvolle Weise behandelt werden, habe ich die letzten 100 Seiten Tränen in den Augen gehabt.

Teilweise habe ich sie auch vergossen, und da ging es meistens um die Liebesgeschichte. Neben Wallace selbst, entwickelt sich nämlich auch zwischen ihm und Hugo etwas, und … Bei einer Lovestory zwischen zwei Menschen, die bereits durch ihre Form der Existenz getrennt sind, ist Herzschmerz doch bereits vorprogrammiert. Obwohl Wallace‘ Charakterentwicklung wie die Gesamthandlung nicht immer nachvollziehbar ist, wird aus ihm unvermeidlich eine liebenswerte Person. Hugo ist es von Anfang an, und auch er hat seine (Vor-)Geschichte. Mann muss ihn einfach ins Herz schließen. Ganz fest. Wenn sich also diese beiden ineinander verlieben – auch wenn es zum Glück nicht der Hauptplot ist (das wäre langweilig) -, dann berührt das einfach.

Klunes Schreibstil ist ebenso gemütvoll (ja, ich habe verzweifelt nach einem Synonym für „herzerwärmend“ gesucht) wie seine Figuren. Obwohl einfach zu lesen, strahlt er viel Charakter aus. Das liegt an der liebevollen Wortwahl, an den manchmal flachen, aber doch genialen Wortspielen (die meistens von Nelson kommen) – ich liebe Wortspiele -, und am Lächeln, das irgendwie hinter jeder Zeile steckt. Nicht selten verzieht sich das auch zu einem Grinsen: Es gibt einiges an Humor, der einen guten Kontrast zur thematischen Schwere bietet. Zum Teil fand ich ihn allerdings zu einfach, zu gewollt. (Ja, haha, ein erwachsener Mann/Geist trägt einen Bikini, lass uns zwei Seiten darüber kaputtlachen!!)

Mein Fazit:

Das unglaubliche Leben des Wallace Price ist ein kurzweiliger Roman voll Tiefe, Leichtigkeit und Liebe. Wer über gefundene Familie, alltägliche und universale Fragen lesen will, und dabei nichts gegen ein wenig Kitsch hat, dem kann ich ihn auf jeden Fall empfehlen.


Informationen zum Buch:

zum Buch

Titel: Das unglaubliche Leben des Wallace Price

Originaltitel: Under the Whispering Door

Autor*in: T. J. Klune

Übersetzung: Michael Pfingstl

Verlag: Heyne

ISBN: 9783453321465

Preis: 17,00 € (Paperback), 12,99 € (eBook)


Disclaimer:

Die Rechte am abgebildeten Buchcover liegen beim Verlag.